Über die Individualität von Ernährung und Training: Eine Diskussion

 

Im Hinblick auf Ernährung im Leistungssport kann man  viele Aspekte diskutieren, da es viele unterschiedliche Meinungen und Forschungsergebnisse gibt. Wie bereits Hippokrates sagte: „Deine  Nahrung soll deine Medizin sein!“ gilt auch hier als bestätigt, dass Nahrung durchaus eine positive Wirkung auf die Leistungsfähigkeit des Menschen hat. In den westlichen Kulturen wird um Nahrung und Ernährung viel geforscht, wobei es sich lohnt, über den Tellerrand zu schauen. Denn andere Kulturen verfügen über ein ganz anderes, Jahrtausend altes Wissen und Verständnis über den Menschen im Mittelpunkt eines miteinander verflochtenen Systems. Die Betrachtung der Ganzheitlichkeit des Menschen ist insbesondere bei den alten Chinesen elementar. Es umfasst die physische, emotionale und spirituelle Existenz des Menschen, genauso wie „die Zyklen des Wachstums und der Veränderung in der äußeren Welt“ (Elias & Ketcham, 2010, S.13).

 

DIE ERNÄHRUNG NACH DEN FÜNF ELEMENTEN

Die traditionelle Chinesische Medizin versteht sich als das System der fünf Elemente, bestehend aus Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Diese Elemente sind Kräfte, die in einem gewissen Gleichgewicht zueinander stehen sollten, wobei die meisten Menschen eine Affinität zu einem oder mehreren Elementen besitzen. So ist der Feuertyp charakterisiert durch viel Energie, Warmherzigkeit und eine ausgeprägte Emotionalität. Auf der anderen Seite steht dieses Element in Verbindung mit dem Herzen.  Was bedeutet, dass ein Mensch mit Feuerüberschuss anfälliger für Herzerkrankung ist. Ein Übermaß führt zu unruhigen, zappeligen Verhalten, starken Schwitzen, Schlafstörungen. Ein Mangel zu Erschöpfung und Unkonzentriertheit.

 

Aufgrund von unterschiedlichen Kriterien, Persönlichkeitsmerkmale und Körpermerkmale kann man jeden Menschen klassifizieren und aufgrund dessen spezielle und typgerechte Empfehlungen ableiten. Diese Empfehlungen haben ein breites Spektrum, das von Lebensweisen bis hin zu typgerechten Entspannungsübungen, Atemtechniken, Heilkräutern und Ernährungsweisen reicht. So wird einem Menschen mit der Affinität zum Feuer geraten, mehr „kühlende“ Speisen, wie Obst, Milchprodukte und Gemüse/Salate zu essen und weniger „heiße“ Speisen, die das Übermaß an Feuer noch mehr anheizen würden und in letzter Konsequenz zu Krankheit führen könnten . Auch wird dem Feuertypen geraten, im Sommer sparsam mit seinen Kräften umzugehen, da Feuertypen dazu neigen eine starke Überlastung des Herzen zu verspüren, wenn der Grad der Aktivität zu hoch ist  (Elias & Ketcham, 2010, S.75).

 

Dies wäre eine gute Erklärung dafür, dass es Läufer gibt, die bei sommerlicher Wärme sehr gute Leistungen vollbringen können und eben solche, die eher für den Winter gemacht sind. Diese schematischen Ausführungen lassen sich auf alle anderen Elemente übertragen.

 

WESTLICHE ERNÄHRUNGSLEHRE UND DIE KRITIK AN DER LEBENSMITTELPYRAMIDE

 

Dieser Ansatz ist ein ganz anderer als in der westlichen Ernährungslehre, bei der es vielmehr darum geht, wissenschaftlich zu beweisen, dass ein bestimmtes Wissen das einzig Wahre  ist und auf die gesamte Menschheit anzuwenden ist. Der Drang der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) Leitlinien zu erstellen und zu behaupten, dass die Leitlinien nun für alle Menschen gleichermaßen gelten sollen,  ist an dieser Stelle kritisch zu beäugen. Es sollten die Empfehlungen der DGE  allgemein hinterfragt werden. Leitzmann (2014) betont, dass die ursprüngliche Ernährungspyramide mittlerweile veraltet ist. Diese ist ja zunächst nicht aufgrund dessen zwangsläufig schlecht, nur sollte man bedenken, dass diese den nutritiven Bedürfnissen der modernen Gesellschaft nicht mehr angepasst ist. Ebenso ist zu befürchten, dass Interessen der Industrie hinter den Empfehlungen der DGE stehen können. Minger (2013) betont, dass in den 90er Jahren die Gestaltung der Ernährungspyramide in den USA maßgeblich durch Interessen der Getreideindustrie mitgeprägt worden ist.  Zum einjährigen Geburtstag wurden somit die ersten kritischen Stimmen erhoben. Die Autorin  Candy Sagon schrieb 1993 in einem Artikel der  Washington Post:

 

Think about this: The Egyptians built pyramids for dead people. A year ago the U.S. Department of Agriculture chose a pyramid for its food guide. Is there a massage here? What else could be behind  the Food Guide Pyramid recommendation to eat 11 servings of bread and nine servings of fruits and vegetables and three servings of dairy products and three servings of meat all in one day (Sagon, 1993) ?

 

Die Autorin leitet daraus die Fragestellung ab: „ It makes me wonder just how powerful  the grain growers‘ lobby  was during the pyramid’s design phase” (Sagon, 1993).  In der Tat sind 11 Portionen am Tag eine Menge, die nicht einmal Marathonläufer zu sich nehmen würden und der Einfluss der Getreideindustrie zu diesem Zeitpunkt ist tatsächlich ein interessanter Aspekt. Die Milchindustrie hingegen beklagte sich über die Art und Weise, wie sie in der Pyramide dargestellt worden (Minger, 2013, S. 13). 

 

Wenn man bedenkt, dass ein Konzept, wie die Ernährungspyramide 1974 erstmalig in Schweden von der Kochbuchautorin Anna-Britt Agnsäter entwickelt worden ist, um so kostengünstig wie nur möglich die Bevölkerung satt zu bekommen (Minger, 2013, S. 17), dann wird einmal mehr deutlich, dass eine Ernährungspyramide zwangsläufig nicht dafür ausgelegt sein kann, allen Anforderungen jedes einzelnen gerecht zu werden.

 

Ernährung ist eine sehr individuelle Thematik und es zeigt sich vielmehr, dass immer mehr neue Ernährungstrends eher Verwirrung stiften. Über den Veganismus hinaus gibt es auch andere Trends in der Ernährung, die insbesondere für Leistungssportler kritisch beäugt werden müssen. Der Low Carb Trend ist ein Beispiel, welches aufzeigt, dass man sich immer Gedanken machen sollte, was im Körper eigentlich geschieht, wenn man Kohlenhydrate weglässt. Michalk (2014, S.262) und Rauscher (2015) diskutieren die Folgen einer Ernährung ohne oder mit wenig Kohlenhydrate und erklären, dass der Muskel immer nur das oxidieren kann, was er kennt. Die Metabolische Flexibilität bedeutet nichts anderes als, dass die Muskulatur Fettsäuren und Glucose, also Kohlenhydrate, gleichermaßen aufnehmen und oxidieren kann. Verzichtet man nun jahrelang auf Kohlenhydrate, verliert man folglich die metabolische Flexibilität. Also die Fähigkeit des Muskels, Energie flexibel aus Kohlenhydraten oder Fettsäuren beziehen zu können, in Abhängigkeit davon, was dem Muskel gerade zur Verfügung steht. Dieser Zustand ist für einen Ausdauersportler nicht erstrebenswert, weshalb man Low Carb oder auch No Carb nur gezielt im Training einsetzen sollte, zum Beispiel, wenn es darum geht, die Fettverbrennung während einer langen Einheit zu aktivieren.

 

Desweiteren sollte nicht unterschätzt werden, dass Ernährung auch einen Genussaspekt in sich trägt. Wer die Fähigkeit verliert genießen zu können- und das gilt für Leistungssportler und Breitensportler-, der tut seinem Wohlbefinden keinen Gefallen. Und das Wohlbefinden steht in unmittelbarer Beziehung zur Gesundheit.

 

Natürlich steht es außer Frage, dass es für einen Leistungssportler wichtig ist differenzieren zu können, welche Lebensmittel einen gesundheitlichen Nutzen haben und welche eher nicht, dennoch macht es keinen Sinn zu sagen, dass ein bestimmtes Ernährungskonzept das einzig Richtige ist. Wertvoll für einen Sportler ist das Wissen über nährstoffarme und nährstoffreiche Lebensmittel. Wenn es darum geht das Optimum auszuschöpfen, ist es von Vorteil zu erkennen, dass Weizenprodukte deutlich weniger Mineralstoffe enthalten als Hirse oder Amaranth.

 

Als wichtig zu erachten ist auch, dass Essen ein wichtiger Teil von  Kommunikation ist, woraus soziale Teilhabe resultiert. Ein Sportler, der sich allzu vielen Nahrungsmitteln verschließt findet keine Integration am Essenstisch.

 Jedoch gibt es auch das Phänomen, dass sich Menschen aufgrund von Ernährungsstilen und Einstellungen zusammenfinden und dass darüber ein sehr angeregter Kommunikationsfluss entstehen kann.

 

 INDIVIDUALITÄT IM TRAINING

 Mehr Individualität bedarf es auch im Hinblick auf Training. Es gibt eine Fülle an Trainingsempfehlungen, die sicherlich auch alle ihre Relevanz haben. Dennoch sollte beachtet werden, dass es eine individuelle Trainierbarkeit gibt, die von einigen Faktoren abhängig ist. Hierzu äußerte sich Nieß (2006). Er beschreibt, dass der Einfluss von individuellen Faktoren  bei Trainingsprogrammen beachtlich sei. Ferner betont er „dass das Ausmaß der individuellen Trainierbarkeit eine breite genetische Basis besitzt“ (Nieß, 2006). Diese äußert sich in Faktoren wie die maximale Sauerstoffaufnahme, die in Ausdauertests bei Probanden zwischen 0 und 1000ml/min schwanken kann (Nieß, 2006). Man dürfe jedoch nicht den Fehler machen, eine ausbleibende Anpassung auf ein Training mit einer Nichttrainierbarkeit gleichzusetzen. Nieß (2006) erklärt, dass es  Probanden gab, die durch Ausdauertraining keine Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme erreichen konnten, durch Krafttraining hingegen schon.

 

Der Punkt der Individualität zieht sich wie ein roter Faden durch das Thema diesen Beitrag. Auch Wellington umschreibt das Training von ihrer Trainingsgruppe folgendermaßen:

 

Es mag Sie nicht überraschen zu hören, dass ich eine überzeugte Verfechterin des Prinzips ‚Qualität vor Quantität‘ bin. Ich würde allen Athleten raten, das wenigstens im Hinterkopf zu behalten, aber wie bereits angesprochen muss das nicht für alle und jeden gelten. Brett wusste das natürlich besser als jeder andere, weshalb wir im Team TBB alle verschiedene Trainingsprogramme hatten. Ich sei eher der Typ Rennpferd, meinte Brett, schnell, aber bei allzu großen Umfängen drohe ich jedoch zu zerbrechen. Während andere Mädels wie Belinda, Bella und Hillary eher Arbeitspferde seien, stark und mit einem großen Motor. Deswegen schickte er sie auf diese Marathoneinheiten oder auf verrückte 60-km-Läufe (Wellington, 2013, S.201).

 Im Bezug auf Training liegt es nahe, neue Wege zu testen und auch bestehende Trends zu brechen. Das soll nicht bedeuten, dass alle Trainingsprinzipien zwangsläufig falsch sind, aber es kommt schließlich nicht selten vor, dass sich die Forschung weiterentwickelt und zu neuen Erkenntnissen erlangt. Der Aspekt der individuellen Trainierbarkeit ist richtungsweisend und erfordert, dass im Training sowie in der Ernährung experimentiert werden sollte, um zu ergründen, was typgerecht ist.  Ein Athlet, der ein gutes Körpergefühl hat, wird sich nicht dauerhaft gesundheitlich schädigen, wenn er in der Lage ist, sein eigenes Handeln und seine Befindlichkeit  fortlaufend zu reflektieren.

 

Quellen:

 

Elias, J. & Ketcham, K. (2010). Selbstheilung mit den fünf Elementen. Das Standardwerk zur Traditionellen Chinesischen Medizin. München: O.W. Barth Verlag.

Leitzmann, C. Ernährungspyramiden unter der Lupe. Zugriff am 1. Juni 2015 unter https://www.ugb.de/glykaemischer-index/ernaehrungspyramiden-unter-der-lupe/

Michalk, C. (2014). Das Handbuch zu ihrem Körper. So erreichen Sie ihr genetisches Maximum (1. Aufl.). Wallerfangen: edubily.

Minger, D. (2013). Death By Food Pyramid. How Shoddy Science, Sketchy Politics and Shady Special Interests Ruined your Health and How to Reclaim It. Malibu: Primal Blueprint Publishing.

 

Nieß, A. (2006). Die individuelle Variabilität der Trainierbarkeit- Eine Herausforderung für die Sportmedizin. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin, 57 (10), 241.  Zugriff am  20. Mai 2015 unter http://www.zeitschrift-sportmedizin.de/fileadmin/content/archiv2006/heft10/Editorial.pdf

Rauscher, C. (2015). Low Carb- sinnvoll oder Hype? Triathlonszene. Zugriff am 1. Mai unter https://www.youtube.com/watch?v=fCMOkknNLX8&feature=youtu.be

Sagon, C. (1993). This Food Pyramid’s a Little Hard to Swallow. The Washington Post/ Ocala Star Banner, May 6, 1993. Zugriff am 13. Juni unter https://news.google.com/newspapers?nid=1356&dat=19930505&id=naRAAAAAIBAJ&sjid=4AcEAAAAIBAJ&pg=4482,6461202&hl=de

Wellington, C. (2013). Ein Leben ohne Grenzen.  Hamburg: spomedis GmbH.