London Halbmarathon: Royal Parcs Foundation

London, Sonntag 11. Oktober 6 Uhr am Morgen. Der Wecker klingelt. Langsam öffne ich meine Augen, es dauert einen kleinen Moment bis ich realisiere: Nein, das hier ist nicht Flensburg. Auch nicht Hamburg oder Owschlag. Wir liegen in einem kuscheligen Bett in einem Hotel, das nahe gelegen ist an Kensington Gardens, eines der vier Royal Parks, die wir heute noch belaufen wollen.

Denn: Heute ist der Tag der Tage! Und das Wettkampffrühstück ruft! Wir haben uns schon so lange auf diesen Lauf in London gefreut! Der Royal Parks Foundation Halbmarathon ist nicht irgendein Lauf. Es ist vielmehr ein Charity Lauf, bei dem man durch das Startgeld in die Londoner Royal Parks investiert und gleichzeitig eine Charity Institution unterstützt.

Meine Eltern, die letztes Jahr um diese Zeit in London gewesen sind, erzählten mir von dem Lauf und seitdem ich den Streckenplan gesehen hatte, der durch den Hyde Park, St. James‘s Park, Green Park und Kensington Gardens führt, war ich Feuer und Flamme. Es dauerte keine lange Zeit, da überraschte mich Pascal mit den Startplätzen. Jedoch sollte an dieser Stelle gesagt werden, dass man für den Spaß bereit sein muss einiges an Geld springen zu lassen. Allein der Startplatz kostet 50 Pfund. In unserem Fall haben wir einen Startplatz über Build Africa erworben, wo man jedoch auch noch eine Spende von in unserem Fall 100 Pfund obendrauf rechnen muss. Pascal hatte Glück und hat einen Startplatz gewonnen, was bedeutete, dass er lediglich die 50 Pfund bezahlen musste.

Zurück zum Frühstück: Pascal bereitete sich sein Power-Frühstück schon am Vorabend zu. Ein Einweichen in Hirsemilch musste aufgrund der bescheidenen Ausstattung auf unserem Zimmer reichen. Meine Idee, die Milch für den Porridge sanft im Wasserkocher zu erwärmen, kommt für ihn leider zu spät. Die Haferflocken, verschmolzen mit heißer Milch und Kokosnussjoghurt (Coyo, hergestellt aus Kokosnussmilch), den es hier überall zu kaufen gibt, schmeckt einfach nur himmlisch! Ich bilde mir ein, einen neidischen Blick von der Seite zu erkennen!?

Nach dem Frühstück legen wir uns nochmal wieder in die Federn. So wirklich schlafen kann ich nicht mehr, zu groß ist die Vorfreude auf das anstehende Event. Gut eine Stunde später, um halb acht, geht es nun endlich los! Es ist noch knackig kalt draußen, die Sonne strahlt uns in voller Pracht entgegen. Der Weg zum Lauf, der ungefähr 2km vom Hotel entfernt ist, führt durch den Hyde Park und ist wunderschön! Eigentlich wollen wir uns dorthin einlaufen, aber ich schlage Pascal vor, dass wir einen Spaziergang zum Start machen, da wir sowieso sehr früh losgestiefelt sind. 

Zu Fuß gehen waren wir von den letzten beiden Tagen eh gewohnt. Wir haben bereits eine lange Tour durch London hinter uns gebracht, alles zu Fuß. Gerade kulinarisch gibt es in London einiges zu entdecken, insbesondere das Wild Food Café im Covent Garden, welches sich dem Raw Veganism verschrieben hat, hat es uns angetan. Wir sind zwar keine Veganer und schon gar keine Rohköstler, aber immer offen für neue kulinarische Experimente und die Pizza und Lasagne, die wir dort verspeisten, waren schon echt ein kleines kulinarisches Kunstwerk!

Ebenso sollte man dem Whole Food Market, einem riesigen Biomarkt, einen Besuch abstatten. Man kann wirklich sagen: Wenn man eine Köstlichkeit im Whole Food Market nicht findet, dann gibt es das Produkt auch nicht auf dieser Welt!  Food Trends werden hier praktisch gemacht und deren Botschaft „Go Crazy For Coconuts“ erfreute mich als Kokosnussjunkie maßlos!

Zurück zum Lauf: Auf dem Weg entdecken wir die ersten Meilenschilder, die liebevoll bedruckt sind mit dem Satz „Leaf the rest behind“ eine Anspielung auf den herbstlich geprägten Lauf, welches sich in der gesamten, sehr geschmackvollen Gestaltung des Laufs, in Form von Herbstblättern, wiederfindet. Auch Eichhörnchen kreuzen unseren Weg. Nach 20 Minuten sind wir nun endlich da. Noch ist es leer. Das wird sich aber sehr bald ändern, denn es haben sich 16.000 Laufbegeisterte Menschen angemeldet. Erstaunlich oft hören wir auch deutsche Worte. Ich fange an mir etwas Sorgen zu machen, dass wir unsere Sachen noch rechtzeitig in das Gepäckzelt verstaut bekommen. Schließlich ist  nun  die Chance dafür und alles, was man vor dem Start an Klamotten auf den Boden wirft und dort liegen lässt, wird als Spende für Bedürftige angesehen und eingesammelt. So mache ich mich schon mal auf, um meine Klamotten abzugeben, da ich sowieso in langen Klamotten laufen möchte. Aufgrund meiner gerade abklingenden Erkältung bin ich lieber vorsichtig. Pascal und ich laufen uns zusammen ein, ehe er auch noch seine Sachen abgibt (gerade noch rechtzeitig, bevor sich wirklich große Schlangen bilden).

Das Gelände füllt sich sichtlich mit vielen Läufern und Zuschauern. Man sieht aber schnell: Der Lauf ist absolut perfekt und fehlerfrei organisiert, an jeder Ecke stehen Helfer. Irgendwo auf der Food Messe, die sich auch auf dem Gelände befindet, verliere ich Pascal aus den Augen. Es dauert nun noch 30 Minuten bis zum Start, trotzdem beschließe ich mich auf Richtung Startlinie zu begeben, in der Hoffnung dort Pascal wiederzufinden. Was den Start angeht, können wir uns glücklich schätzen: Unsere orangefarbenen Startnummern erlauben uns quasi in der ersten Reihe zu starten (Bestzeiten sei Dank). Über einen seitlichen Weg, der extra für die Läufer mit den orangenen Startnummern abgesperrt worden ist, gelangt man bequem zum vorderen Start. 

Angekommen im Start- und Zielbereich sehe ich viele schnell aussehende Läufer, aber von Pascal keine Spur. Noch 20 Minuten bis zum Start. Irgendwo in weiter Ferne erspähe ich ihn nun endlich. Noch 10 Minuten bis zum Start. Wir fangen zusammen die Atmosphäre ein und wünschen uns gegenseitig viel Spaß und Erfolg. Die Moderatorin findet motivierende Worte, das örtliche Radio kommt auch noch zu Wort. Der Countdown läuft: 10,9,8,7,…unser erster Lauf in London, ich freue mich auf die Strecke Juhuuu….6,5,4….Adrenalin pur, es wird kribbelig…3,2,1, GO! 

Die Masse bewegt sich, ich starte irgendwo aus Reihe 4 oder 5, da ich mich nicht von den schnellen Läufern zu Anfang gleich mitreißen lassen will. Jedoch geht es unerwartet sofort steil bergab, die Pace ist schnell und vor mir habe ich noch Pascal im Auge. Der Abstand zu ihm wird immer größer, die Zuschauer an den Seiten jubeln. Man wird förmlich mitgerissen, ob man will oder nicht. Als einzige Uhr um mich herum piept meine Uhr nach einem Kilometer (3:52). Den anderen Läufern scheint diese Marke herrlich egal zu sein. Ach ja, da war ja was. Wir sind ja in England und nicht in Deutschland. Hier wird in Meilen gerechnet. Ein lautes „GPS Uhren Piep-Konzert“ ertönt nach 1,6 Kilometern.

Wir sind nun fast auf der Höhe des Buckingham Palace. Die Gegend wird zunehmend nobler, die Straße wechseln ihre Farbe in rot. Es ist fast wie wenn man auf der Bahn laufen würde. Mein Körper fühlt sich von der langen Laufpause, bedingt durch die Erkältung, etwas schwer an. Ich versuche mich auf die Strecke zu fokussieren. Wie im Flow geht es weiter durch den James’s Park, das Feld um mich herum dünnt sich aus. Einige Läufer haben das Tempo angezogen, andere sind viel zu schnell angegangen und fallen zurück. Um mich herum ist endlich etwas Platz. Wir laufen direkt durch den Bogen des Admiralty Arch, was ein tolles Gefühl ist. Es geht direkt rechts herunter Richtung Downing Street und Houses of Parliament.  Zum ersten Mal kommt von vorne ein Läufer entgegen. Am Ende der Straße ist also der erste Wendepunkt. Ich mag solche Wendepunkte, weil man das Rennen vorne und hinten beobachten kann. In diesem Fall ist es nicht Pascal, der mir da als erster Läufer entgegenkommt. Geschätzte 30 Sekunden später kommt Läufer Nummer 2 und gar nicht so weit dahinter sehe ich Pascal, der mir freudig- grinsend zuwinkt. Ich merke, es geht ihm noch sehr gut und er scheint Spaß zu haben. Läuft! Ich zähle die Frauen, die vor mir sind. Es scheinen drei zu sein. 

Die Straße „The Strand“ ist gefüllt mit Menschen, die einem zujubeln. Zum zweiten Mal kommt ein Wendepunkt. Pascal liegt nun bereits an zweiter Stelle und ruft mir „NATI !!!“ zu. Aus irgendwelchen Gründen fühlt der Läufer neben mir sich angesprochen. Ich muss grinsen. Auch andere Läufer klatschen auf der anderen Seite und rufen „GO GIRL!“.

Die Straße The Strand läuft man 2km nach dem Wendepunkt wieder zurück, kommt nochmals in den Genuss, durch den Bogen des Admiralty Arch zu laufen und läuft Richtung Hyde Park. Im Hyde Park explodiert die Stimmung. Die Hälfte ist nun fast geschafft. Aus den Menschenmengen ertönen immer wieder Stimmen, die mir zurufen: „YOU ROCK, GIRL!“, „RUN BUILD AFRICA!“ Auch die Streckenposten lassen sich nicht lumpen alle Läufer anzufeuern: „YOU LOOK GREAT, KEEP IT UP!!“ ist immer wieder zu hören, was einfach nur fantastisch ist. Meine Durchgangszeit bei der 10km-Marke, welche erfreulicherweise auch ausgezeichnet ist, beträgt exakt 40:00 Minuten. Glatter 4:00er Schnitt, eigentlich zu schnell dafür, dass ich meine Erkältung gerade erst überwunden habe. Ich horche immer wieder in mich hinein, mein Gefühl sagt mir, dass alles ok ist. Auch meine Atmung ist ruhig. Im Hyde Park ist nun deutlich der Wind zu spüren, der zwischen den Häusern sonst so gut abgehalten wurde. 

 

Hinter mir laufen drei Männer. Der Wind schlaucht mich zunehmend. Ein kleiner kritischer Blick nach hinten nimmt der Läufer hinter mir als Aufforderung auf, auch mal die Führung zu übernehmen. Im Windschatten kann ich mich endlich ein bisschen ausruhen. Bei Kilometer 15 bietet mir ein Brite Jelly Beans an. Ich lehne dankend ab. Die britischen Läufer sind wirklich sehr zuvorkommend. Wir kommen wieder in ein Stimmungsnest. Nicht, dass die Stimmung ansonsten schlecht gewesen ist, aber in diesen Stimmungsnestern wird man wirklich maximal gefeiert. Ich hatte im Vorwege immer schon gehört, dass die Briten Laufen und Triathlon wirklich lieben, aber das übertrifft wirklich meine Erwartungen. Die Menschen schreien wild durch die Gegend. Ein wenig später erzählt der eine Läufer in meiner Gruppe:  „Go for it, you’re the first Lady in this race.“ Ich erzählte ihm, dass das nicht sein kann, da ich ja an den Wendepunkten die Frauen vor mir gesehen hatte. Der Läufer vor uns bekam die Konversation mit und bestätigt : „Yes, they said you‘re the first woman“. Ich nahm die Dinge so hin, irgendwie beflügelt sowas ja auch, aber ich wusste für mich, dass das nicht stimmen konnte. Pascal hingegen, den ich etwas früher nochmal ganz knapp erhaschen konnte, führte seinen Lauf immer noch zu der Zeit auf Platz 2 fort. 

Bei Kilometer 18 wurde es richtig schön. Kensington Gardens erstrahlte im Sonnenschein und ein frühherbstlicher Charme legte sich dort nieder. So langsam wird meine Atmung schwerer. Die Vorfreude bald im Ziel zu sein steigt mit zunehmenden Schritten. Ein langgezogener Berg macht die letzten Kilometer schwerfällig. Nur zufällig sehe ich noch, dass ich gerade an der Royal Albert Hall vorbei laufe. Der Countdown beginnt. Schilder signalisieren: Nur noch 800m, das Ziel ist in Sichtweite. 400m, 200m. Man wird richtig gefeiert und im Ziel angekommen, nach einer Zeit von 1:25:18 merke ich doch deutlich, dass mein Körper von der Erkältung noch nicht so belastbar ist wie sonst. Pascal kommt mir entgegen gelaufen, wir fallen uns in die Arme und der Fotograf stürmt gleich auf uns zu, um die Szenerie abzulichten. „You can be very very proud of him, he just finished second!“, sind seine wärmenden Worte. Ich freue mich total und er fordert uns auf, für die Kamera noch ein paar romantische Posen einzunehmen.

Nach dem Lauf will ich alles von Pascal wissen: Zeit? Gefühl? Platz (okay, der aufmerksame Fotograf hat es vorweggenommen). Während ich meine unfassbar schöne und besondere Medaille aus echten Holz entgegennehme (Gravur: Your piece of the Parks), erzählt er mir, dass das Rennen echt gut lief. Nach seiner Saisonpause, war das der erste schnelle Lauf und das Gefühl war dafür, dass wir die beiden Tage zuvor rund 25-30km zu Fuß durch London gestiefelt sind, doch ganz gut. Die 1:11:09 waren auch etwas schneller als geplant, was jedoch auch der Stimmung geschuldet ist.  

Abschließend saugen wir noch die Stimmung auf dem Festival auf. Eine Black Roll Zone, für ein sinnvolles Cooldown rundet das Event ab. Nachdem wir unsere Sachen aus dem Gepäckzelt abgeholt hatten, ertönt eine Whats App Nachricht von meiner Mutter : „Suuuuuuper! Congrats zum 5. Platz! Auch für Pascal zum zweiten Platz!“ Witzigerweise hatte sie Zuhause die App heruntergeladen (ich wusste gar nicht, dass meine Mama so up-to-date ist ?), in der man Läufer auswählen konnte und denen dann interaktiv auf einer Karte folgen konnte. Ebenso wurde parallel dazu die verstrichene Zeit und die Platzierung angezeigt. Zuhause haben mein Papa und sie dann beobachtet, wo wir gerade als kleiner Punkt auf der Karte längs laufen! Total genial!

 

Abschließend möchte ich einfach nur mal loswerden, dass der Lauf wirklich etwas Besonderes für mich und auch für Pascal gewesen ist und es sich sehr gelohnt hat. Klar, insgesamt ist die ganze Sache schon sehr kostspielig gewesen, aber man hat dafür eine Menge geboten bekommen und für jemanden, der gerade auch immer wieder verzweifelt versucht, einen Startplatz beim London Marathon zu bekommen, der sicherlich auch kein Schnäppchen ist,  ist der Royal Parks Foundation Half Marathon wirklich eine schöne Alternative (auch wenn es nur ein Halbmarathon ist). Ich mag London wirklich sehr und die Menschen lieben wahrlich den Laufsport, deshalb würde ich irgendwann mal wieder dort laufen wollen.